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Willkommen, Marla!

Autorenbild: Verena Höntsch
Verena Höntsch
3. Sept.
5 Min. Lesezeit

Nach Jacks Tod war es hier eine ganze Weile stiller. Nicht unbedingt bei uns zu Hause...wer Lenny kennt, weiß, dass „still“ relativ ist - aber hier auf dem Blog. Es musste einfach ein bisschen Zeit vergehen.


Und dann kam Marla.



4,5 Jahre alt und hat ihr gesamtes bisheriges Leben im Shelter verbracht. Und plötzlich sollte da dieses neue Leben sein: ein Haus, ein Garten, Menschen, Lenny, Spaziergänge, Geräusche, Regeln, Nähe, Rückzug und ein Alltag, von dem wir ganz selbstverständlich erwarten, dass ein Hund irgendwann versteht, wie er "funktioniert". Nur: Woher eigentlich?

Ein neues Zuhause ist nicht automatisch ein Zuhause

Wenn ein Tierschutzhund bei uns einzieht, passiert etwas Merkwürdiges. Für uns beginnt etwas Schönes. Wir haben uns vorbereitet, freuen uns, haben Körbchen gekauft, Futter besorgt und uns hundert Gedanken gemacht. Für den Hund wird dagegen erst einmal alles, was er kennt, weggenommen. Auch wenn das, was er kannte, aus unserer Perspektive kein besonders schönes Leben war.


Marla kannte das Shelter. Sie kannte seine Geräusche, Abläufe und Gerüche. Sie wusste, was dort passiert und was nicht. Dann kam sie zu uns und sollte irgendwie verstehen, dass das jetzt gut ist. Dass diese Menschen es gut mit ihr meinen. Dass dieses Haus ihres ist. Dass sie bleiben darf.

Das kann man einem Hund nur leider nicht erklären.


Das Faszinierende ist, dass Marla vieles von Anfang an unglaublich gut gemacht hat. Sie ist neugierig, mutig und offen, erkundet ihre neue Welt und kann mittlerweile wunderbar entspannen. Sie hat angefangen, mit Lenny zu spielen, und zu mir sehr schnell eine enge Bindung aufgebaut. Manchmal könnte man deshalb fast vergessen, dass 4,5 Jahre ihres Lebens ganz anders ausgesehen haben.

Und dann gibt es diese Momente, die einen daran erinnern.


Andere Hunde machen ihr große Angst. Manche Situationen mit Menschen verunsichern sie. Bei meinem Mann gibt es Momente, in denen sie knurrt - manchmal können wir nachvollziehen, was der Auslöser war, manchmal überhaupt nicht. Natürlich fängt dann sofort das menschliche Gehirn an zu arbeiten: Warum macht sie das? Was haben wir falsch gemacht? Wie bekommen wir das weg?

Mittlerweile glaube ich, dass eine andere Frage viel wichtiger ist: Was braucht sie gerade von uns?


Ein Knurren ist kein Defekt

Natürlich möchten wir nicht, dass unser Hund Familienmitglieder anknurrt. Wir arbeiten daran, holen uns Unterstützung und versuchen herauszufinden, was Marla in diesen Situationen verunsichert. Gleichzeitig hilft es aber überhaupt nicht, das Knurren als Fehlfunktion zu betrachten, die möglichst schnell verschwinden muss.


Marla kommuniziert. Vielleicht sagt sie: Du bist mir gerade zu nah. Vielleicht versteht sie nicht, was als Nächstes passiert. Vielleicht fühlt sich eine Bewegung, ein Geräusch oder eine Situation für sie bedrohlich an, obwohl wir darin überhaupt nichts Besonderes erkennen können.

Das macht es nicht immer einfach. Aber es macht sie auch nicht zu einem schwierigen oder gar „schlechten“ Hund.


Und genau an diesem Punkt habe ich in den vergangenen Wochen wahrscheinlich am meisten gelernt: Tierschutzhunde sind keine Maschinen, bei denen man vorne Training einwirft und hinten nach vier Wochen den perfekten Familienhund herausbekommt.


Wir arbeiten mit positiver Verstärkung, schaffen Abstand, wenn sie ihn braucht, beobachten viel und versuchen, ihr Sicherheit zu geben. Und manchmal müssen wir auch akzeptieren, dass wir die Antwort auf ein Verhalten gerade noch nicht kennen. Deshalb holen wir uns jetzt jemanden, der uns hilft, sie besser einzuschätzen.


Tierschutzhunde funktionieren nicht nach Zeitplan

Es gibt diese berühmten Regeln darüber, wie lange ein Hund zum Ankommen braucht: drei Tage zum Runterkommen, drei Wochen zum Eingewöhnen, drei Monate, bis er sich zu Hause fühlt. Ich verstehe, warum es solche Faustregeln gibt. Sie helfen dabei, neuen Hundehaltern klarzumachen, dass Eingewöhnung Zeit braucht.


Aber ein Hund weiß nicht, dass jetzt Monat drei begonnen hat. Ich lese gerade so viele Beiträge von Tierschutzorganisationen oder Tierheimen, wo Hunde nach 24 Stunden, 2 Wochen oder ähnlichen Zeitspannen wieder zurückgegeben werden wie eine Küchenmaschine, die ich umtausche, weil sie doch nicht das kann, was ich mir erhofft hatte. Marla hat btw 3 Tage gebraucht, um überhaupt Kontakt zu irgendwem aufzunehmen. Sei es Mensch oder Hund.


Über 4 Jahre Erfahrungen verschwinden nicht, weil ein Hund zwölf Wochen in einem schönen Zuhause lebt (oder ganze 24 Stunden ;)). Und manchmal passiert sogar etwas, das sich im ersten Moment wie ein Rückschritt anfühlt: Ein Hund, der sich sicherer fühlt, zeigt plötzlich mehr von sich. Er setzt Grenzen, entwickelt Vorlieben, wird wachsamer oder traut sich zum ersten Mal, deutlich Nein zu sagen.


Vielleicht ist das gar kein Rückschritt. Vielleicht bedeutet es sogar: Ich bin inzwischen sicher genug, um mich zu zeigen.


Dieser Gedanke hat für mich einiges verändert. Denn natürlich wünschen wir uns Entwicklung. Wir möchten, dass Marla weniger Angst vor anderen Hunden hat und dass sie meinem Mann irgendwann genauso selbstverständlich vertraut wie mir. Wir möchten mit ihr überall hinfahren können und ihr möglichst viel von der Welt zeigen. Aber ihre Entwicklung muss nicht in unserem Tempo stattfinden.


Geduld bedeutet nicht, nichts zu tun

Geduld heißt für mich trotzdem nicht, jedes Verhalten einfach hinzunehmen und darauf zu hoffen, dass es irgendwann verschwindet. Gerade Knurren ohne Auslöser ist für mich ein Grund, einfach von einem Profi zu erfahren, was das genau bedeutet, um es nicht falsch anzugehen. Wir trainieren mit Marla, holen uns nun Hilfe und versuchen, Situationen so zu gestalten, dass sie gute Erfahrungen machen kann.


Aber wir versuchen gleichzeitig, nicht permanent an ihr herumzuoptimieren. Sie ist auch eine coole Hündin. Auf ihre Art furchtlos und sie ist neugierig und probiert alles aus.


Und das ist manchmal erstaunlich schwer. Wenn man ein Tier liebt, möchte man helfen. Aus „helfen“ wird aber schnell „lösen“: ein neuer Trainingsansatz, eine neue Strategie, noch ein Tipp, noch eine Idee. Auch bei anderen Themen haben wir das gemerkt. Marlas Verdauung beispielsweise reagiert durchaus sensibel auf Veränderungen und auch da ist unsere erste Reaktion natürlich, sofort etwas tun zu wollen.


Dabei braucht ein Hund manchmal vielleicht vor allem eines: Tage, an denen überhaupt nichts Besonderes passiert.


Aufstehen, fressen, spazieren gehen, schlafen, Garten, Lenny, Menschen kommen nach Hause, Menschen gehen wieder, Abendessen, Körbchen. Und morgen wieder. So entsteht Alltag. Und aus Alltag entsteht irgendwann Sicherheit.


Und dann ist da noch Lenny

Denn auch für ihn hat sich etwas verändert. Er hat sich Marla schließlich nicht ausgesucht. Plötzlich war da ein zweiter Hund in seinem Zuhause, mit eigenen Bedürfnissen und Unsicherheiten - und mit einer ziemlich engen Bindung an seinen Menschen.


Auch Lenny musste deshalb ein Stück weit neu ankommen. Nur eben in einer neuen Version seines alten Lebens. Und wer uns kennt, weiß: Veränderung ist für Lenny ein Brett.


Mittlerweile spielen die beiden miteinander und man hat das Gefühl, sie geben sich Sicherheit und mögen sich richtig gern. Sie teilen sich unseren Alltag, beobachten sich, lernen voneinander und finden langsam ihre eigenen Regeln. Gerade diese kleinen Momente sind wahrscheinlich diejenigen, in denen ich am deutlichsten merke, dass wir viele Entwicklungsschritte überhaupt nicht mitbekommen.

Es passiert einfach. Ein bisschen Vertrauen hier, eine neue Routine dort, ein Moment weniger Angst, ein gemeinsames Spiel. Und irgendwann ist etwas, das vor einigen Wochen noch völlig neu war, plötzlich selbstverständlich.


Vielleicht ist genau das Ankommen

Vielleicht ist Ankommen gar kein großer Moment. Nicht der Tag, an dem ein Hund zum ersten Mal entspannt auf dem Sofa schläft. Nicht nach drei Wochen und wahrscheinlich auch nicht nach drei Monaten.


Vielleicht bedeutet Ankommen vielmehr, dass die Abstände zwischen den Momenten, in denen die Vergangenheit so deutlich zu spüren sind, langsam größer werden.


Und vielleicht liegt unsere Aufgabe auch gar nicht darin, aus Marla möglichst schnell den Hund zu machen, den wir uns vorgestellt haben. Vielleicht müssen wir vielmehr herausfinden, wer sie eigentlich ist, wenn sie irgendwann wirklich die Sicherheit hat, sie selbst zu sein.


Mit ihren lustigen Seiten, ihren mutigen, ihren vorsichtigen, ihren anstrengenden und ihren unglaublich liebevollen. Mit Dingen, die sie vielleicht noch lernt, und vielleicht auch mit ein paar Dingen, die immer ein Teil von ihr bleiben werden.


Nach 4,5 Jahren in einem Shelter darf ein neues Leben schließlich auch ein bisschen länger brauchen, bis es sich wirklich wie das eigene anfühlt.


Und vielleicht ist Geduld am Ende genau das: nicht darauf zu warten, dass ein Hund endlich so wird, wie wir ihn gerne hätten, sondern ihm die Zeit zu geben, uns zu zeigen, wer er ist.

 
 
 

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